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27.02.08

GIESSEN (ok). Leder ist ihr Leben. Entsprechend schwer fiel Vera Meid der Entschluss. Heute startet am Kreuzplatz der Räumungsverkauf bei “Leder-Meid”. Für das Haus soll nach der Schließung im Frühjahr ein neues Konzept erarbeitet werden. “Nach den heutigen Anforderungen im Bauwesen kann man es nicht mehr so belassen”, berichtet die Grande Dame der heimischen Modeszene. Das “Leder-Meid”-Geschäft im Seltersweg 6 bleibt von der Schließung unberührt. “Das war keine leichte Entscheidung”, sagt sie. Seit über 44 Jahren führt sie das Geschäft neben dem Kugelbrunnen, das sie “mein Baby” nennt. Ein Glücksfall sei das Haus für sie gewesen. 1964 war Vera Meid einen mutigen Schritt gegangen und hatte Ledermoden mit Trachten kombiniert. Das Geschäft boomte. “Die Branche hat sich geändert”, sagt sie mit Blick auf die jüngere Entwicklung im Einzelhandel. Es rechne sich nicht mehr. “Das Geld wird nicht mehr so leicht verdient wie früher.”

Keine leichte Entscheidung für Vera Meid: Nach über 44 Jahren am Kreuzplatz startet heute der Räumungsverkauf bei "Leder-Meid". Bild: Möller

Mit dem Start des Räumungsverkaufs stellt sich die Frage nach der Zukunft des mehrgeschossigen Gebäudes. “Das Haus muss ein neues Konzept haben, das geht so nicht mehr”, sagt die Einzelhändlerin in aller Deutlichkeit. Auf den neuesten Stand soll es gebracht werden, allerdings in aller Ruhe, wie sie betont: “Wir wollen ein bisschen Luft holen und gründlich planen, um keine falschen Entscheidungen zu treffen.” Architekten seien bereits mit dem Thema beschäftigt. Wer in die Immobilie letztlich einziehen wird, ob sie von der Familie weiterbetrieben wird oder andere Mieter einziehen, steht noch nicht fest. Die Mitarbeiterinnen sollen in anderen Häusern übernommen werden. “Ich bin auch in einem Alter, dass ich das nicht mehr so leicht kann”, räumt Vera Meid ein, die als 20-Jährige im Jahre 1950 beim Start des elterlichen Geschäfts im Seltersweg 6 mit eingestiegen ist. Noch heute verbringt sie jeden Tag im Laden, von neun Uhr bis zum Abend. “Arbeit ist mein Leben”, sagt sie.

Ihr Vater Wilhelm Meid war es, der 1927 in Halberstadt am Harz sein erstes Fachgeschäft gegründet hatte. Drei Jahre später kam in Erfurt das zweite Geschäft hinzu. 1945 zerstörten Bomben beide Läden genauso wie die Wohnung. Im Dezember 1948, aus russischer Gefangenschaft entlassen, kehrte Wilhelm Meid nach Fulda zurück und übernahm das “Kofferhaus Meid”. Als sogenannter Ostflüchtling musste er sich 1949 im Aufnahmelager Gießen registrieren lassen. Dabei sah er sich in der Stadt um und entschied sich für Mittelhessen als neue Heimat. Am 3. Dezember 1950 öffnete im Seltersweg 6 das Geschäft mit Koffern, Taschen und Reisegepäck seine Pforten. Vera Meid baute ab 1955 die Meid-Filiale in Wetzlar auf. 1963 wurde das Haus am Kreuzplatz als Fachgeschäft für Lederbekleidung erworben. 1983 erfolgte die Erweiterung der Verkaufsflächen auf rund 800 Quadratmeter über drei Etagen.

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